Teil 4 unserer Geschichten aus dem Bunten Land

Wer läutet im Wald den Frühling ein? Und lockt mit grünen Wogen zu würzigen Abenteuer?

 

 

„Kommt schnell! Das müsst ihr euch ansehen…“

Mios aufgeregte Stimme kommt aus dem Dickicht des Waldes, der kurz hinterm Gartenzaun beginnt. Es ist das erste Mal, dass er sich beim Versteckenspielen so weit raustraut … und er hat etwas Großartiges entdeckt: „Hier ist ein Meer!“

 

 

Sofort stürzen Tobi und Freda aus ihren Verstecken. „Ein Meer? Da drüben im Wald?“

Paul schüttelt ungläubig den Kopf. „Ich war da früher oft mit Opa. Da ist kein Meer.“  

„Kommt her und seht selbst!“ ruft Mio.  
Die anderen Kinder folgen seiner Stimme – und stehen bald darauf staunend auf einer Lichtung voller wilder, grüner Wellen, der im frischen Frühlingswind hin- und her wogen.

 

 

„Wow!“, flüstert Paul. „So etwas habe ich noch nie gesehen! Das ist ja echt wie ein Ozean!“

Auch wenn es kein Wasser ist, was da in der Sonne leuchtet, hat man das Gefühl, man könnte hier schwimmen - so dicht und weich ist der grüne Teppich aus Blättern, der sich vor ihnen erstreckt.

Mio winkt ihnen grinsend von einem Baum aus entgegen, den er hochgeklettert ist. „Kommt rauf auf mein Segelschiff!“ Tobi stürmt sofort los.

 

 

„Vorsicht!“, raunt Paul. „In diesem Meer wohnen empfindliche Wesen!“ Begeistert zeigt er den anderen einen Marienkäfer, der auf den Blättern unterwegs ist.

Die anderen Kinder beugen sich zu ihm hinunter – und plötzlich steigt ihnen ein Duft in die Nase.

Würzig. Wild. Abenteuerlich!

 

„Jetzt weiß ich, welche Pflanze das ist“, ruft Freda. „Bärlauch! Den kenne ich von Tante Ursula.“

„BÄR-lauch?“, fragt Tobi. „Gibt es hier Bären?“

„Vielleicht nehmen wir das Meer lieber mit in unseren Garten“. Mio schaut sich besorgt um. „Wir buddeln einfach ein paar Pflanzen aus und setzen sie bei uns wieder ein.“

Schon hat er die Hände im Waldboden, lockert ihn und zieht an den hellen Stielen.

 

 

 

Was dabei herauskommt, lässt seine Augen groß werden: „Da ist ja eine Zwiebel dran!“

"Wie kommt denn das?", wundert sich Paul. Dann geht ihm ein Licht auf: „Jetzt verstehe ich, warum ich dieses Blättermeer noch nie gesehen habe! Das versteckt sich die meiste Zeit des Jahres da unten im Boden. Und zeigt sich nur im Frühjahr.“

Tobi raunt: „Wenn die Bären aus ihrem Winterschlaf erwachen...“

 

 

Da ertönt plötzlich ein lautes, wildes Brummen. Ein Stock knackt, ein Busch wackelt … und auf die Lichtung tritt … eine alte Frau. Die Kinder brauchen einen Moment, um den Schock zu verdauen.

„Keine Bange. Ich bin kein Bär“, grinst Tante Ursula. „Ich bin bloß eine Bärlauchfreundin, die euch einen gehörigen Schrecken einjagen wollte, damit ihr niemals vergesst, was ich euch jetzt sage: Man darf Wildpflanzen nicht einfach ausbuddeln und mitnehmen. Könnt ihr euch denken, warum?“

Die Kinder überlegen. „Weil sie dann nächstes Jahr nicht wiederkommen?“

Tante Ursula nickt. „Das stört das natürliche Gleichgewicht.“

Als die alte Frau die traurigen Kindergesichter sieht, fügt sie hinzu: „Aber ich habe auch etwas Bärlauch in meinem Garten und davon gebe ich euch gerne ein paar Zwiebeln ab. Ihr werdet sehen: Die vermehren sich fantastisch. Bald habt ihr sicher auch ein Bärlauch-Meer in eurem Garten!“

 

 


Als sie die Pflanzen ein paar Tage später mit ihren Eltern abholen, gibt es obendrein ein kleines Festmahl: Ein leckeres Brot mit frischer selbstgemachter Bärlauchbutter. 

Na, habt ihr auch schon mal versucht, Pflanzen an anderer Stelle wieder einzubuddeln? Worauf muss man dabei achten?