Teil 8 unserer Geschichten aus dem Bunten Land  

Wer brachte schon die Augen der Steinzeitmenschen zum Leuchten ... und schenkt sich freigiebig und fröhlich immer weiter - von Generation zu Generation?

„Du machst gerade Rote-Rote! Da kommen wir ja genau richtig, Oma!“ Aufgeregt stürmt Tobi in den dunklen Arbeitsraum hinter der Küche. Seine Oma und seine Freundin Freda folgen ihm – die erste liebevoll lächelnd, die zweite stirnrunzelnd.  

Freda ist das erste Mal zu Gast bei Tobis Großeltern und sie kommt aus dem Staunen nicht heraus. Der alte Bauernhof hat so viele spannende Winkel und rätselhafte Gerätschaften! Mit großen Augen betrachtet Freda ein nasses Betttuch, das zu einem Dreieck gefaltet von einem Besenstiel herabhängt, der von zwei Stuhllehnen gehalten wird. Die Spitze zeigt filterförmig nach unten, sie ist prall gefüllt mit etwas, das supersaftig riecht.

„Was ist das?“, fragt Freda.  

„Rote-Rote!“, strahlt Tobi. „Omas Geheimrezept!" Genüsslich reibt er sich den Bauch, während sie das regelmäßige Plitsch-Platsch der dunkelroten Flüssigkeit beobachten, die durch die Tuchspitze hindurch in einen Kochtopf tropft.

Oma lässt Freda einen Blick von oben in das Betttuch werfen. Eine spätsommersüßduftende, dunkelrosa Masse hat sich dort gesammelt. Mit vielen kleinen, länglichen Dingern drin.

„Das hat heute morgen stundenlang gekocht. Und jetzt filtern wir die Kerne durch das Tuch heraus. Übrig bleibt das hier…“

Oma langt mit einer Kelle in den Kochtopf und füllt etwas von der geheimnisvollen Flüssigkeit in zwei Gläser:„Rote-Rote!“

Tobi erzählt grinsend: "Meine große Cousine hat dieses Getränk so genannt, als sie gerade sprechen konnte. Probier mal, vielleicht errätst du, woraus es gemacht ist!“  

„Warte – wir müssen den Sirup noch verdünnen!" Oma fügt ein wenig Wasser hinzu … und es geschieht etwas Magisches.

Langsam wie ein träger Lavastrom mischt sich die dunkelrote Flüssigkeit in das durchsichtige Wasser. Die Spätsommersonne lässt in den Gläsern die Farben eines Miniatursonnenunterganges erleuchten.

 

 

 

Als das Schauspiel vorbei ist und das Getränk gleich-mäßig rosa, probiert Freda.                                                    

„Schmeckt wie ein Zaubertrank!“, ruft sie begeistert. „Samtig-weich und gleichzeitig wild und wuchtig.“ Tobi nickt genussvoll. Freda fährt fort:  „Ein bisschen wie Gummibären – aber welche, die in einem echten Wald leben!“                      „In einem Urwald!“, ruft Tobi lachend. „Komm, ich zeige dir, wo der Saft herkommt!“

 

Er nimmt seine Freundin mit in Omas großen Garten. Freda staunt über die vielen bunten Blumen und Gemüsesorten. Dann erkennt sie, was Tobi für einen Urwald meint. Hinten am Zaun zu den Kuhkämpen stehen dutzende riesige Sträucher.            

„Autsch, die stechen ja!“, erschrickt sich Freda, als sie das Dickicht betreten. Dann entdeckt sie die kleinen Früchte, die an den stacheligen Zweigen hängen. Manche sind hellgrün, andere rosa, und viele strahlen dunkelrot.

 

 

„Je röter sie sind, desto leckerer“, sagt Oma und löst für Freda die größte und schönste Frucht, die weit und breit zu sehen ist, vom Strauch. Freda lächelt. Sie wirkt ebenso samtig-weich wie ihr Saft schmeckt. Die aneinander geschmiegten Einzelteile sehen aus, als wenn etliche kleine Kopfkissen miteinander kuscheln!  

„Weißt du nun, was Rote-Rote ist?“, fragt Tobi.

Freda grinst. „Na klar: Himbeersaft!“.

 

 

„Wenn du den so magst, schenke ich dir eine Flasche für zu Hause!“, lacht Tobis Oma. „Und pflückt euch gerne eine Schale zum Naschen. Allerdings müsst ihr sie schnell auffuttern, die Beeren halten nicht lange.“

„Wie schade!“, findet Freda.

„Na, deswegen koche ich sie ja ein", sagt Oma. „Und wenn  ihr frische Himbeeren so gerne mögt, buddeln wir einfach ein paar Pflanzen für euch aus. Die lassen sich prima versetzen und dann vermehren sie sich ganz von allein. Wenn ihr wollt, habt ihr in eurem Garten bald genau so einen Urwald wie hier!“

 

»Was glaubst du, wann sie die ersten  Himbeeren ernten können?

Und wie lange werden sie was von Omas Früchten haben?«

Im August geht es hier weiter.