Teil 6 unserer Geschichten aus dem Bunten Land

Wer läutet uns den Sommer ein? Wer wird im Juni rot und dick? Wer steht nicht nur im Garten rum,

sondern versteckt sich auch gerne am Waldrand?

 

 

Erdbeere

 

Die Kinder liegen im Gras und beobachten die Schäfchenwolken, die am strahlendblauen Himmel über sie hinwegziehen. Das erste Mal dieses Jahr barfuß, der erste Holunderblütenduft, die erste große Bienenparty in der Linde!

„Wisst ihr, was jetzt noch fehlt, damit es sich endgültig anfühlt wie Sommer?“ Tobi leckt sich über die Lippen. „Erdbeeren!“ 

 

 

 

„Na, was für ein Glück, dass wir letzten Herbst welche gepflanzt haben!“, ruft Mio.

Die Kinder flitzen rüber zum Beet. Doch hier finden sie bloß jede Menge weiße Blüten zwischen den gesägten Löffelblättchen. Noch keine einzige Frucht.

„Wie lange das wohl noch dauert, bis daraus Erdbeeren werden?“ fragt Tobi sehnsüchtig.

 Mio meint: „Naja, wenn du ganz genau hinguckst, kannst du erkennen, dass die große Verwandlung bereits begonnen hat. Wenn die Blüten weg sind, dann wachsen die Beeren los.“

Mio befühlt die Pflanzen. „Hier – erkennst du den kleinen gelbgrünen Punkt in der Mitte? Der wird jetzt immer größer … und dann irgendwann rot. Und je röter, desto leckerer! Also: Wir müssen uns noch etwas gedulden“.

 

 

 

„Na toll“, murrt Tobi. „Matteo hatte schon vor Wochen Erdbeeren mit in der Schule“.

„Die waren sicher aus einem beheizten Gewächshaus. Oder von weit weg aus wärmeren Ländern, wo man irre viel Wasser verschwendet hat, um sie zu gießen“, meint Paul. 

„Genauso schmeckten sie auch“, erinnert sich Tobi. „Irgendwie wässrig und längst nicht so süß wie die aus dem Garten. Aber wann werden die denn endlich rot?“

„Ich weiß, wo jetzt schon rote Erdbeeren wachsen!“, ruft Freda und flitzt rüber zum wilden Nachbargarten, wo keine Beete sind, sondern sich hohes Gras im Wind wiegt.

„Hallo Ursula!“ begrüßt sie die Gartenbesitzerin: „Darf ich den anderen deine Erdbeeren zeigen?“ 

 

Die alte Frau nickt und folgt den aufgeregten Kindern. Dort, wo der Wald beginnt, blitzen ihnen winzige, rote Früchte entgegen. Kaum größer als Murmeln sind sie.

„Das sind doch keine richtigen Erdbeeren“, murrt Tobi.

„Oh doch“, widerspricht Ursula. „Probiert mal!“  

Als Tobi das tut, weiten sich seine Augen. „Wow! Die schmecken ja noch viel kräftiger und süßer als die großen!“

 

 

 

„Aber warum sind sie so klein?“, fragt Paul.

„Naheliegender wäre die Frage: Warum sind die Erdbeeren, die du kennst, so groß?“ Ursula lacht. „Denn früher gab es bei uns nur diese kleinen Walderdbeeren. Die Leute haben alles Mögliche versucht, sie größer zu züchten. Aber erfolglos.“

„Und wo kommen dann die Großen her?“ will Tobi wissen.

 

„Die sind das grandiose Ergebnis einer internationalen Zusammenarbeit von verschiedensten Lebewesen auf verschiedensten Kontinenten“, sagt Tante Ursula geheimnisvoll. 

„Häh? Was heißt das?“, bohrt Paul nach.  

„Seefahrer haben im 18. Jahrhundert die Scharlacherdbeere aus Nordamerika mitgebracht, ein französischer Gärtner hat sie in seinem Garten neben eine große, aber langweilige Erdbeere namens „Schöne Chilenin“ aus Südamerika gepflanzt und Bienen ohne bekannte Staatzugehörigkeit haben sie dann verkuppelt – also bestäubt - und dafür gesorgt, dass die beiden gemeinsame Nachkommen bekommen. Coolerweise wurden die groß wie die Chilenin und lecker wie die nordamerikanische Waldbeere … und darüber haben sich die europäischen Gärtner so gefreut, dass sie alles dafür taten, dass diese geniale Mischung erhalten bleibt.“ 

„Zum Glück!“ ruft Mio.

„Und zum Glück blieb unsere Waldbeere bis heute so klein“. Tobi steckt sich genussvoll eine weitere in den Mund. „Klein aber oho!“

 

 

»Was bedeutet eigentlich Bestäubung?

Und wie kann dabei eine neue Sorte entstehen?

Wann fängt für dich der Sommer an?«