Teil 9 unserer Geschichten aus dem Bunten Land

Wer hat weltweit für Freudensprünge gesorgt - zumindest, seitdem man weiß, wie sie zubereitet werden muss. Zuvor verfluchte sie manch einer und nannte sie Teufelsknolle.

 

„Vorsicht!“, ruft Paul erschrocken, als Tobi zu einem mächtigen Sprung über das dunkelgrüne Kraut ansetzt, das reihenweise im hinteren Garten wuchert. Hier führt der neue Hindernisparcours lang, den er sich ausgedacht hat. Mit dem riesigen Hindernis, das sich jetzt vor ihm auftürmt, hat Tobi  allerdings nicht gerechnet: Sein großer Bruder Paul stellt sich ihm in den Weg: „Stop!“  „Warum?“, gibt Tobi genervt zurück. „Was wächst denn da wichtiges?“ Er hält und guckt sich die Pflanze genauer an. Ihre Blätter sind ziemlich dick, weich behaart und fühlen sich samtig an. „Was soll das schon Dolles sein?", brummt Tobi. "Gegessen habe ich sowas jedenfalls noch nie!“

„Zum Glück!“, lacht Paul. „Das Kraut ist nämlich giftig!“

Dann wispert er geheimnisvoll: „Aber da drunter liegt Gold!“ 

Tobi stutzt. Meint sein großer Bruder das Ernst? Oder ist es bloß eins seiner typischen  Märchen? Kurzentschlossen greift Tobi in eine der Pflanzen und will darunter nachschauen. 

 

 

„Nicht!“, protestiert Paul. „Das ist noch nicht reif! Wenn du jetzt das Kraut abreißt, geht alles kaputt.“ Tobi stutzt. Na, das klingt wirklich nach Märchen! Aber er will nicht noch mehr Ärger und beschließt zu tun, was sein Bruder sagt: „Wir müssen warten, bis das Grünzeug vertrocknet ist.“

„Und dann finden wir darunter Gold?“, fragt Tobi.

Paul grinst ihn an. „Wart’s ab!“

 

Drei Wochen später, ist das Kraut braun-beige und kaum noch zu erkennen. Tobi flitzt voller Tatendrang mit seiner Schaufel aufs Feld. Er buddelt gespannt los … und hält nach wenigen Minuten einen seltsamen braunen Klumpen in der Hand.

„Das ist kein Gold“, motzt Tobi. „Du hast mich veräppelt!“

„Erdäppel?“ Paul tut so, als hörte er schlecht. „Ja, Erdäpfel nennt man das in Österreich.“ Der Große grinst. „Und sie sind super wertvoll!“

Tobi rollt die Augen: „Also … Matteos ferngesteuertes Auto ist ganz sicher mehr wert! Das sind doch bloß olle Kartoffeln.“

 

 

 

„Von wegen oll“, entgegnet Paul. „Am wertvollsten auf der Welt ist doch wohl das, ohne das wir gar nicht leben können, oder? Luft, Wasser, Essen! Und Kartoffeln sind mit das Beste, was man futtern kann, oder?! Was bringt dir Matteos Auto, wenn du Hunger hast?“

Tobi zuckt genervt die Schultern. Er hat auf echtes Gold gehofft!

„Komm, wir machen ein Feuer und braten die Kartoffeln darüber“, versucht Paul seinen Bruder aufzumuntern. „Dann findest du sie vielleicht genauso cool wie ich!“

Ein Feuer?! Dafür ist Tobi immer zu haben!

 

Und als sie ein paar Stunden später die Kartoffeln aus der Glut holen, findet auch Tobi: Der strahlendgelbe Inhalt, der unter der jetzt kohlschwarzen Schale zum Vorschein kommt, hat schon was von einem Goldklumpen. 

 

 

 

 

„Ich habe eine Idee!", ruft Tobi  da. „Wir packen ein paar Kartoffeln in eine alte Kiste und vergraben sie wie einen echten Schatz für zukünftige Gartenpiraten! 

Paul ist begeistert: „Dazu malen wir noch eine Schatzkarte!"

„Und vielleicht packt ihr eine Erklärung mit in die Kiste, was  man mit dem Schatz machen sollte", wirft Mama ein. „Bis zum nächsten Frühling werden die Kartoffeln nämlich Keime haben  und das bedeutet erstens, dass man sie nicht mehr essen sollte und zweitens, dass sie jetzt bereit sind, Babys zu bekommen."

„Babys?" Tobi schaut Mama groß an. Die lacht. „Naja, man nennt die Kartoffeln, die man im Frühling pflanzt Mutterkartoffeln ... und eine einzige davon sorgt für bis zu 20 Nachkömmlinge."
„Aber nur, wenn man vorher das schöne dunkelgrüne Kraut wachsen lässt, das du neulich bei deinem Hindernisparcous fast geschrottet hättest!", wirft Paul ein. „Und wenn wir sie gut düngen und Erde um sie herum anhäufen."  

 

»Kannst du dir denken, warum das wichtig ist?

Und wozu ist das Grünzeug eigentlich gut?«